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Meeresbande Zine #1 S. 5 + S.6 Vorwort

16. Januar 2011

(Bild Anklicken zum Vergrößern)

Text:

Hallo, ich bin – sagen wir – Leona und bin 22 und komme aus Schleswig-Holstein. Ich würde euch gerne meinen echten Namen sagen, den Namen des Dorfes, wo ich aufgewachsen bin und die Stadt, in der ich jetzt wohne. Ich würde euch gerne noch viel mehr sagen, als ich es tue. Ich würde euch dieses Zine gerne selbst in die Hand drücken, damit ihr mich sehen könnt und mit mir sprechen könnt.

Aber das geht nicht. Ich gebe dieses Zine einem Bekannten, der es dann für mich verbreitet. Es wissen nur wenige Leute, wer das hier ge­schrie­ben hat. Paranoid vielleicht. Egal. Wir müssen eben auf uns und auf einander aufpassen und ich übergehe die Ängste der anderen nicht einfach. Denn ich bin nicht alleine, ich bin eine von Vielen. Wir sind aber kein ein­faches Schreibkollektiv oder ne Politgruppe oder so… Wir sind ein multiples System – Stichwort multiple Persönlichkeit (MPS) oder dissoziative Identitätsstruktur (DIS). Wir haben nur einen Außen­körper und sind dadurch irgendwie miteinander verbunden, auch wenn wir sonst teilweise sehr unterschiedliche Leute sind und uns auch (noch) nicht mal alle gegenseitig kennen, geschweige denn mögen. Einige von uns werden sich hier noch etwas vorstellen und/oder einen Text oder ein Bild beisteuern. Für alle, die englisch können, ist „owning the body“ vielleicht ganz gut, um einen Einblick zu bekommen, wie wir so organisiert sind, ansonsten „Wir wollen auch mal RAUS!

Wir hoffen, dass wir nicht allzu viele Leute überfordern oder zu viel Wis­sen voraussetzen, aber wir haben auch keine Lust, ein Referat darüber zu halten, was Viele-Sein ist. Dazu gibt es einiges zu lesen, auch im Internet, wer will, findet bestimmt was passendes (obwohl’s auch viel Mist gibt…).
Nur so viel erstmal: Mensch wird nicht als Viele geboren, diese Spal­tung (Dissoziation) der Seele/Persönlichkeiten ist eine Reaktion auf traumatische Situationen in früher Kindheit, die anders nicht bewältigt werden können. Wir wären sonst gestorben, denn uns wurde vieles angetan, was eigentlich undenkbar ist. Wir haben Glück gehabt: Wir leben noch und wir sind jetzt weg von den Täter_innen und ziemlich sicher vor weiteren Übergriffen. Wir haben außerdem gute (auch professionelle) Unter­stützung und Freund_innen gefunden. Das ist voll wich­tig für uns!

Nicht nur Leona, viele hier würden gerne offener und offensiver nach außen treten. Viele würden sich gerne nach außen zeigen, die es nicht können. Viele würden gerne in der Öffentlichkeit als Viele auftreten – sich outen statt das Viele-Sein zu verstecken!

Einige wollen sogar den Täter_innen entgegentreten, etwas gegen die tun. Weil das fast sichere Wissen, das die meisten von denen weitermachen, einfach unerträglich ist. Andere Kinder leiden gerade jetzt in dieser Sekunde genau so, wie wir es mussten, unter genau den Leuten… aber wir können das nicht ver­hindern, wir wissen einfach nicht wie. Wir sind keine Mörder, sonst würden wir so viele Täter_innen umbringen, wie wir können. Aber das können und wollen wir nicht. Wir denken aber, dass das Justizsystem und die Polizei uns noch viel weniger helfen werden, dafür aber uns und andere Betroffene verhören und ausfragen würden und mit Gegenvorwürfen und Zweifeln begegnen würden – nein danke. Das wollen wir uns nich antun, und erst recht nicht anderen Betroffenen.
Es wäre das beste, wenn die Täter_innen sich alle selbst umbringen wür­den. Aber das werden sie wohl nicht tun. Wir fühlen uns schuldig und feige, dass wir nichts tun, um die zu stoppen.

Stattdessen leben wir unser Leben so gut wir können und versuchen, uns und anderen aus der „Hölle“ der Vergangenheit rauszuhelfen. Wir kon­zen­trieren uns erst mal auf uns (und andere Betroffene), nicht auf die Täter_innen.

Wir wollen uns selbst und uns gegenseitig kennenlernen, unsere Fähig­keiten und Vorlieben entdecken und ausleben, kreativ sein, tanzen, leben, lachen, wüten und manchmal auch weinen.
Wir wollen unser Leben so gestalten, dass es für uns am besten ist – im Innen und im Außen.

Wir schreiben das hier alles, um uns sichtbar zu machen. Um uns nicht mehr zu verstecken. Es ist auch ein Experiment, bei dem wir uns selbst ein Stück weit finden wollen. Es soll aber auch ein Zeichen sein: Wir hoffen, dass andere Betroffene dieses Zine finden und lesen, und dass es ihnen Mut gibt, sich selbst zu entfalten, wie immer das auch aussehen mag. Dass es Hoffnung gibt. Dass es Erleichterung bringt: Ich bin nicht alleine! Wir sind nicht alleine! Andere kennen ähnliches. Andere haben auch solche Fragen und Pro­bleme wie ich/wir. Andere suchen auch nach Wegen, das Leben nach dem Überleben zu finden. Wir haben es noch nicht gefunden. Aber wir sind auf dem Weg.

meeresbande at riseup punkt net
– April 2009

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