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Meeresbande Zine #1 S.33 – S.35 „Nichts passiert“

17. Januar 2011

(Bilder anklicken für volle Größe)

Text:

Hallo wir sind ein paar Kleinere von der Meeresbande! Die Größeren helfen uns beim Schreiben. Eine achtet immer darauf, dass „richtig“ geschrieben wird, auch mit Kommas und Groß- und Kleinschreibung und all dem… Also die ist pingelig und macht es alles wieder richtig, wenn sie einen Fehler sieht. Wir sagen das nur, damit ihr euch nicht wundert, wieso Kinder so „gut/richtig“ schreiben können.
Wir haben die Geschichte geschrieben „Nichts passiert“ weil uns das wichtig ist, dass Leute wissen, dass auch was schlimm ist, wenn es sich schlimm anfühlt, auch wenn andere sagen, das war doch gar nichts. Weil es ist immer schlimm. Und wer sagt, dass du dich nicht anstellen sollst, lügt. Da werden wir böse, wenn wir sowas hören. Weil das darf einer nicht sagen, besonders nicht, wenn der dir sogar selbst weh getan hat und dann sagt, du sollst „dich nicht anstellen“. Das hat unsere Mami immer gesagt. Aber die war fies.

Eine Phantasie-Geschichte:

„Nichts passiert“

Susi-Anna ist vier Jahre alt. Ihre Mutter sagt zu ihr: „Pass auf, wenn du heute mit deinen Freunden zum Spielplatz gehst! Lass dich nicht von Fremden Männern mitschnacken.“
Susi-Anna ist sieben Jahre alt. Der Lehrer im Sexualkunde-Unterricht sagt zur Klasse: „Wenn euch jemand anfassen will, dürft ihr Nein sagen und euch wehren.“ Es klingt nicht wie „dürfen“ sondern wie „müssen“.
Als Susi-Anna zehn Jahre alt ist, liest sie heimlich in der Bravo. Ihre Lieblingsband hat ein Interview über ein neues Lied gegeben, in dem es um Sextourismus geht. Dann gibt es Anti-Pickel-Tips.
Susi-Anna ist dreizehn. Ihr Vater sagt beim Abendbrot, dass er im Auto geweint hat, denn im Radio wurde über ein Kind berichtet, das entführt und ermordet wurde. (Aber sie weiß, dass dem Kind noch mehr passiert ist.) „Ich habe so Angst, dass dich mal jemand klaut“, sagt er. Aber Susi-Anna denkt, dass er eigentlich nicht „klauen“ meint.
Sie ist sechzehn. Ihre zweitbeste Freundin warnt Susi-Anna, dass ihr Freund es nicht ernst meint: „Der will nur das Eine! Lass ihn bloß nicht zu früh ran!“
Susi-Anna ist neunzehn. Bei den Fahrstunden achtet sie darauf, dass der Fahrlehrer ihr nicht zu nahe kommt. Sie ist wachsam. Aber er ist zum Glück OK.

Jetzt ist Susi-Anna zweiundzwanzig. Sie war mit ihrer Clique auf einer Party und steigt nun aus dem Nachtbus. Allein, denn die anderen müssen noch weiter fahren. Es ist schon früh, sie ist leicht betrunken, aber es ist ja nicht weit. Sie kann das Haus wo sie wohnt von der Haltestelle aus schon sehen. Sie hört Schritte hinter sich, als sie in den Hinterhof einbiegt. Sie bekommt Angst und denkt: „Jetzt werde ich schon paranoid!“ Da fasst ihr eine Hand auf die Schulter. Ein Mann schiebt sie gegen die Wand. Susi-Anna weiß, was er will, sie sieht sich um, es ist kein Mensch zu sehen. Es ist dunkel. Der Mann legt sein glattrasiertes Gesicht an ihres, sie kann für einen kurzen Moment seine hellen Augen sehen. Er flüstert ihr etwas ins Ohr.
Plötzlich geht nur wenige Meter entfernt ein Licht hinter einer Gardine an. Der Mann zuckt zusammen, dreht sich um und starrt das hellerleuchtete Fenster an. Dann geht er mit schnellen, aber festen Schritten in die entgegengesetzte Richtung davon.
Susi-Anna steht da wie festgefroren. Sie zittert. Endlich – es kommt ihr vor wie eine Ewigkeit – hat sie sich wieder unter Kontrolle. Sie geht die paar Schritte zu ihrer Haustür und dann die Treppe hinauf in ihre Wohnung. Bevor sie das Licht anmacht, schaut sie noch einmal in den Hof hinunter. Niemand zu sehen. Sie ist froh, dass sie nicht im Erdgeschoss wohnt.
Am nächsten Tag versucht sie, das alles zu vergessen. Es ist ja nichts passiert. Als ihre Katze sie anstupst, zuckt Susi-Anna so heftig zusammen, dass die Kaffeetasse umkippt.
Natürlich erzählt sie es niemandem. Was war sie auch so leichtsinnig gewesen? Sie wusste doch, dass ihre Gegend als unsicher gilt! (Aber die Miete ist günstig)
Susi-Anna schämt sich. Sie schämt sich für das, was passiert ist (obwohl ja nichts passiert ist!), dafür, dass sie sich nicht gewehrt hat oder geschrieen hat, dafür, dass sie nun nur noch bei Licht schlafen kann, dafür, dass sie es plötzlich unangenehm findet, Menschen – selbst Freunde – zu berühren, dafür, dass sie sich gleichzeitig wünscht, in den Arm genommen zu werden.

Was stellt sie sich so an? War sie nicht oft genug gewarnt worden?

SELBSTHASS SCHAM ANGST
MISSTRAUEN SICH SELBST GEGENÜBER GEGENÜBER ANDEREN
RÜCKZUG EINSAMKEIT SCHULD
VERLEUGNEN, VERDRÄNGEN KLEINREDEN
SCHMERZ VERGESSEN – WOLLEN – GEHT NICHT

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