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Meeresbande Zine #1 S.38 – S.41 Text zur Abschaffung der Zivilisation.

23. Januar 2011

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Text:
…may retain a charge that can start explosions in other lives. Stir them up, if you’re in the business of starting fires…

Text zur Abschaffung der Zivilisation.

Die meisten Menschen, sogar die kritischen, sehen die Welt durch eine eingefärbte Brille. Damit meine ich einerseits sexistische, rassistische, spe­zi­esis­tische oder anti­semitische Dis­kri­mi­nierung innerhalb linksradikaler Bewegungen, vor allem aber die zivilisierte Weltsicht, die sich (nicht nur) in Industrie­staaten so weit durchgesetzt hat, dass es Standard ist, unter „Mensch“ einen zivilisierten Menschen zu verstehen. Eigen­scha­ften des zivili­sier­ten (weißen, männlichen, normierten) Men­schen werden als „Natur“ DES Menschen allgemein verstanden. Es wird be­haup­tet, alle Menschen seien so wie die zivilisierten, natürlich ohne dass diese Grundannahme überhaupt mitgedacht, geschweige denn zu­ge­geben wird. Denn die Tat­sache, dass es auch andere Menschen gibt oder dass auch nicht­mensch­liche Wesen einer Be­rück­sichtigung wert sein könnten, ist entweder außer­halb des Denk­horizonts (und vor allem außer­halb des Fühl­ho­rizonts), wird verschwiegen, lächerlich gemacht oder be­kämpft.

Wildes Leben ist ein Feind der Zivilisation und muss gezähmt und damit vernichtet, oder getötet werden. Das geschieht durch Erziehung, Bildung, Propaganda, Psychopharmaka, Koloni­sie­rung, Krieg, Do­mes­ti­ka­tion, mo­derne Landwirtschaft, Genozid, Umweltzerstörung (auch als expli­zites Mittel zum Genozid), Jagd, Sklaverei und ähnliche Methoden. Doch noch gibt es wil­des Leben und ein Funke davon überwintert in fast jedem Menschen und in allem, was noch nicht komplett tot ist.

Aber erstmal sollte ich wohl erklären, was ich unter Zivilisation ver­stehe. Zivilisation ist eine Gesellschaftsform, in der es Städte (lat. civis = Stadt) gibt oder die zur Bildung von Städten führt. Unter einer Stadt verstehe ich eine Siedlung, wo mehr Menschen auf dem Land (manch­mal auch Wasser) leben, als die­ses Gebiet dauerhaft ernähren kann. Das heißt, dass Städte mehr Ressour­cen verbrauchen, als sie zurückgeben und als sich erneuern können. Städte sind nicht nachhaltig, sie sind zerstörerisch. Daher müssen sie Ressourcen von woanders her be­kom­men und um diese zu bekommen, stehlen sie. Sie müssen das Gebiet, das sie bestehlen, ständig ausbreiten, da sie es ja ausbeuten und somit verwüsten (allzuoft im wörtlichen Sinne). Das führt dann zu ver­schie­de­nen Strategien, um das Stehlen der Ressourcen zu er­möglichen, z.B. Krieg, Gefängnisse, Ideologien, religiöse Dogmen, Bürokratie, Staaten und so weiter, ihr kennt das sicherlich.

Aber „die mächtigste Waffe in den Händen der Unterdrücker sind die Gedanken der Unterdrückten“ und die befinden sich auch fast alle genau dort.

Wir müssen uns mit uns selbst, unseren Gefühlen, Körpern und den Wesen, die uns wichtig und nah sind, identifizieren, statt uns so sehr mit der Zivilisation zu identifizieren, dass wir lieber den gesamten Planeten zerstören, als „wie die Tiere“ zu leben – dabei sind wir natürlich genau das: Tiere. Und unzivilisiertes Leben muss nicht schlimm sein. Im Gegenteil, die meisten un­zivili­sierten Tiere (inklusive Menschen) leben ein gemütliches Leben und haben viel Zeit zum Faulenzen. Sie müssen nicht viele anstrengende Dinge tun und „Arbeit“ gibt es nicht in dem Sinne, wie wir es gewohnt sind. Dafür gibt es meistens sehr gut funk­tionierende Gemeinschaften, viel Spaß, Spiel, Musik, Tanz, Kunst und Geschichten. Vor allem aber zerstören nicht-zivilisierte Gemeinschaften ihre Lebens­grundlage nicht, sondern fühlen sich ihr verbunden – was sie natürlich auch sind. Auch wir Zivilisierten sind mit unserer Lebens­grund­lage verbunden – doch tun wir so, als könnten wir sie unendlich ausbeuten und verschmutzen, ohne dass das Konsequenzen für uns hätte.

Selbst jetzt, wo der menschengemachte Klimawandel und dessen verheerende Folgen nicht mehr geleugnet werden können, tun alle so, als sei das „Überleben“ der Autoindustrie (als sei das ein Lebewesen!) in der Wirtschaftskrise wichtiger, als die Luft zum Atmen und das Wasser zum Trinken. Oder als könnte sogenannte umweltschonende Technologie etwas daran ändern, dass alle fossilen Brennstoffe und Materialien (darunter alle Metalle) einerseits nur endlich vorhanden sind und andererseits deren Ausbeutung und Verarbeitung/Verbrennung IMMER umwelt­zer­störer­isch ist. Nur als Beispiel: Autos – selbst eines mit extrem wenig Verbrauch oder ein solarbetriebenes Fahrzeug – verbrau­chen das meiste Erdöl bei der Herstellung. Die Herstellung von Solarzellen ist extrem umweltschädlich. Jede Form der Metall­verarbeitung ist das. Dazu kommt, dass es schlichtweg einfacher ist, ohne Strom, Industrie und all das zu leben – denn die „Arbeits­ersparnis“ die wir vom Strom und Maschinen haben, mussten andere mehrfach reinstecken, um das zu ermöglichen. Ich meine damit, dass es einfacher ist, ein Loch mit der Schaufel zu buddeln, als mit einem Bagger. Denn: Das Metall und Erdöl für den Bagger muss aus der Erde geholt und verarbeitet werden, der Bagger muss gebaut werden…

Dass die Maschinen keine Erleichterung bringen, lässt sich leicht daran sehen, dass je weiter die Zivilisation und der „Fortschritt“ voran­schrei­ten, umso mehr Menschen in Armut leben, ver­hun­gern und/oder sich zu Tode schuften müssen ohne von den angeblichen Vorteilen etwas abbekommen zu können. Zivili­sa­tion beruht auf Ausbeutung. Sklaverei ist ihr Fundament. Ohne ständige, institutionalisierte Gewalt würde sie zusammen­brechen.

Dass ich die unzivilisierten Gesellschaften dieser entgegen­ge­stellt habe, liegt nicht daran, dass ich das wilde Leben roman­tisiere – die Be­schrei­bung der „Faulheit“ von indigenen Men­schen und auch von der unglaublich schönen Natur, in der diese vor ihrer „Eroberung“/Plünderung lebten, stammen schließlich von den Pionieren und Missionaren der Zivilisation. Ich sage auch nicht, dass unzivilisiertes Leben per se paradiesisch ist. Aber ich bin sicher, dass es nur so möglich ist, eine freie Gesellschaft auf­zu­bauen, da Zivilisation zwingenderweise Aus­beutung und Expansion/Eroberung erfordert. Außerdem führt Zivilisation un­wei­gerlich zur Zerstörung, und wenn diese nicht sehr bald gestoppt wird, ist weder zivilisiertes noch wildes Leben mehr möglich auf die­sem Planeten. Wir haben einfach keine andere Wahl – es sei denn, wir wollen wie die Lemminge (sorry, Lemminge, für diese Metapher!) auf unsere Vernichtung zu rennen, immer schneller und schneller, blind darauf vertrauend, dass es so schlimm schon nicht sein wird und auf die klugen Experten hoffen, die bestimmt bald eine ganz tolle energie­sparende Technik erfinden werden. Als würde das was bringen…

Wenn wir weiter an der Zivilisation festhalten, werden wir es noch nicht mal schaffen, die Geschwindigkeit der Zunahme der Treibhausgas-Emissionen zu verlangsamen. Aber selbst wenn wir den Ausstoß der Treibhausgase verringern könnten – das würde nicht reichen. Es muss gestoppt werden. Falls es nicht eh schon zu spät ist, um die Erde zu retten.

Das gute ist, dass die Zivilisation umso instabiler wird, je mehr sie ihre eigenen Grundlagen auffrisst. Manche meinen, dass es leichter ist als angenommen, dieses ganze System zu Fall zu bringen… ich kann es nur hoffen.

Weiterlesen: Derrick Jensenendgame

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