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Meeresbande Zine #1 S.47 – S.51 Die Rache.

23. Januar 2011

Achtung, kann triggern!

(Bilder anklicken zum Vergrößern)

Text:

Die Rache.

Merwie und John kauerten auf dem benachbarten Dach eines Schuppens; sie versuchten, nicht hinunterzufallen und gleichzeitig nicht auf den schneidenden Wind dieses Oktobernachmittags zu achten, doch das waren ihre geringsten Sorgen. Was sie taten, war gefährlich, das wussten sie. Aber sie hatten beschlossen, es zu tun, denn es ging um mehr – um mehr als alles andere.

“Ich kann das nicht”, flüsterte John plötzlich. Merwie sah ihn mit gerunzelter Stirn an. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Sollte sie ihm wider­sprechen ‘doch du kannst das!’ oder sollte sie zugeben, dass sie selbst zweifelte?
“So einer bin ich nicht”, fuhr John fort, “die sind so, aber ich nicht!” Er vergaß vor Aufregung zu flüstern und seine Stimme wurde schrill.
Merwie war plötzlich sicher, dass sie es tun würden. “Doch”, antwortete sie mit leiser, aber fester Stimme, “du kannst das, wir können das! Es ist was anderes als was die tun, da haben wir doch drüber gesprochen! Es ist total anders.”
John blieb stumm und sah geradeaus. Er dachte nach. Sie hatten es bespro­chen, aber da war es noch eine Idee gewesen, noch nicht so unmittelbar wie jetzt. Sie hatten auch nicht allzu lange darüber geredet und nur ein Mal. Später war es nur um das Wie gegangen, nicht mehr um das Ob und Warum und ‚ist das richtig?’ Wohl, weil wir wussten, dass wir sonst zweifeln würden, dachte John, wir wussten, dass wir nicht drüber reden können, ob es richtig ist und ob wir es schaffen und was wir dann für Menschen sind, wenn wir das tun. Oder was wir für welche sind, wenn wir es lassen…
Er kämpfte schon fast mit den Tränen und war wütend über sich selbst, als er es merkte. “Ach kacke! Wir haben es uns nicht ausgesucht, wenn wir das nicht tun, passiert was noch Schlimmeres!”, platzte es plötzlich aus ihm heraus. Aber er glaubte sich selbst kaum. Was konnte es schlimmeres geben als Mord?
Er sah Merwie an. Sie sah nicht aus wie ein Kind, sondern wie eine Erwachsene, ihr Gesicht war so hart. So sehe ich wohl auch aus, dachte John, so wie ein alter Mann, obwohl ich grade erst 13 geworden bin. Er hatte Merwies Antwort gar nicht gehört und fragte nach.
“Genau”, wiederholte sie leicht genervt (und sehr angespannt), “genau das ist es, es passiert sonst noch was Schlimmeres!”
“Aber vielleicht sind das nur leere Drohungen. Vielleicht würden sie uns einfach nur wegschicken, nicht —- nicht —- du weißt schon…” Johns Stimme versagte. Er konnte es einfach nicht glauben, so was durfte man nicht glauben, sonst konnte man nicht überleben. Aber das war es ja grade. Das war ja grade die Angst: Dass sie nicht am Leben gelassen würden.
“Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass sie die 14-Jährigen alle töten”, sagte Merwie mit flacher Stimme.
“Was? Aber! Aber das hast du doch selbst gesagt, du hast doch gesagt, dass wir es genau deswegen tun müssen, dass wir sie töten müssen, damit sie nicht uns töten! Willst du sie etwa umbringen, obwohl du denkst, dass sie uns bald laufen lassen?”
Merwie schaute ihn nicht an, sondern sprach mit dieser seltsam flachen, anderen Stimme weiter. Die ist wie tot, die Stimme, dachte John, wie tot.
“Nennst du das bald? Wir haben noch fast zwei Jahre vor uns. Außerdem sind wir nicht die einzigen. Es geht hier um viel mehr. Du warst es doch, der meinte, wir müssen auch an die anderen denken. Auch an die, die nach uns kommen werden. Kommen würden. Denn wenn wir das jetzt tun, dann werden keine mehr kommen.
Und außerdem. Es geht hier nicht nur darum, ob sie wen umbringen oder nicht. Was sie tun, was sie schon lange getan haben und womit sie freiwillig niemals aufhören würden – das weißt du genauso wie ich, dass die damit niemals aufhören würden – das ist doch eigentlich genau so schlimm wie Mord! Das sagen viele. Das das genau so schlimm ist.” Merwie atmete schwer und ihre Stimme klang jetzt zwar wieder wie die eines lebendigen Menschen, aber fast noch unheimlicher als vorher.
“Was die tun”, fuhr sie fort, “das muss aufhören. Ich will das nie wieder tun, verstehst du, nie wieder! Keiner von uns will das, aber das ist denen egal, die machen einfach, was sie wollen, das ist denen doch sowas von egal, aber jetzt nicht mehr, verstehst du, jetzt nicht mehr, jetzt kann es ihnen nicht mehr egal sein, was wir wollen!”
John hatte tatsächlich Tränenspuren im Gesicht, er hatte nicht gemerkt, wie die dahingekommen waren, aber das war ihm jetzt auch egal. Er wusste, dass sie recht hatte, er wollte es ja auch nicht, er hasste es wie alle anderen, aber er konnte nicht darüber nachdenken, er war abgeschnitten von seinen Gefühlen, er konnte diesen Hass und diese Wut nicht spüren. Er versuchte es. Aber es kam nur Angst und Ohnmacht.
“Sie sind zu viele, zu mächtig. Was können wir schon ausrichten.” Er biss sich auf die Lippe. Das klang ja grade richtig scheiße, was er da von sich gegeben hatte! Bevor Merwie antworten konnte, redete er schnell weiter, stammelte hastig: “Vergiss es, das ist ja Blödsinn, deswegen sind wir ja hier, weil wir mit den Dingern eben doch was ausrichten können, deswegen sind wir ja hier.” Er rang immer noch mit sich, versuchte sich mit diesen mutigen Worten dazu zu überreden, Menschen zu erschießen.
“Wir können auch ein andermal wieder kommen”, flüsterte Merwie leise, sanft.
“Nein.” John wurde es jetzt klar. Es gab kein Zurück mehr. Nach der Möglichkeit, die er jetzt hatte, könnte er nie wieder zurück, nicht mal für einen Tag. Er konnte das alte Leben nicht weiter leben, nachdem er es so weit gebracht hatte. Es war ja sowieso zu schlimm gewesen, um es zu ertragen, aber jetzt, nachdem er hier mit dem Gewehr auf dem Dach gesessen hatte, könnte er nie wieder dahin zurück. Weder nach Hause, noch nach da. Da drüben, wo hinter den weißen, zugezogenen Vorhängen— John dachte den Gedanken nicht zuende. Er dachte an seinen kleinen Bruder Tommie, der ihn immer versuchte aufzumuntern, der doch gleichzeitig zuhause am meisten zu leiden hatte, weil der Vater Kinder lieber “mochte”, je jünger sie waren. Immerhin musste sein Bruder nicht so oft nach hier. Noch nicht. John wurde älter und die “Kunden” verlangten immer öfter nach dem Kleinen. Nein, es gab kein Zurück. Er würde es nicht mehr überleben, kein einziges Mal mehr würde er es überstehen, vergewaltigt zu werden. Er hatte es zu oft ertragen, jetzt nicht mehr.

Merwie und John sahen sich an; diesmal wussten sie beide, dass sie es tun würden.

Sie mussten noch fast eine Stunde warten. Dann kamen die Männer mit den Kindern raus. Die mussten sie laufen lassen, wegen der Kinder. Aber als sie weg waren, kamen die anderen. Das waren die eigentlichen Drahtzieher der Bande. Heute waren fünf von ihnen da. Als sie alle das Haus verlassen und der letzte abgeschlossen hatte, sog Merwie die Luft ein. “Jetzt”, hauchte sie, es war kaum zu hören, aber John wusste es selbst. Er schoss. Merwie schoss. Sie schossen in den Sand, in Beine und in die Luft, obwohl sie auf Herzen und Köpfe zielten, doch die Männer waren zu überrascht, um fliehen zu können. Bald lagen sie alle am Boden. Tot.

Merwie zitterte. Sie löste langsam ihre klammen Finger von der Waffe und ließ sie in die Regenrinne fallen. Sie kauerte auf dem Dach und zitterte. John war wie gelähmt, er wollte sie trösten, aber in seinem Gehirn war nichts. Einfach nichts.

Es fing langsam an zu regnen. Das weckte John aus seiner Starre, er dachte ‘Warum hat denn kein Mensch die Schüsse gehört?’ Aber es war ja auch keiner in der Nähe und vielleicht hatten die Leute die fernen Schüsse für was anderes gehalten. Vielleicht hatte es auch tatsächlich keiner gehört. Oder sie dachten, es seien Jäger gewesen.
Er blinzelte ein paar mal, bewegte vorsichtig seine Arme und Beine, die vom langen Sitzen weh taten.
“Merwie. Merwie, komm, wir müssen nach Hause.”
“Häh? Ja, klar!” Merwie schüttelte sich und atmete ein paar Mal tief durch.
“OK, gehen wir.”

Sie mussten mit den Fahrrädern fahren und es war ein weiter Weg, aber als sie in ihrer Straße ankamen, hatte dort noch niemand etwas Ungewöhnliches bemerkt. Ihre Eltern rechneten vor Einbruch der Dunkelheit nicht mit den Kindern und von den toten Männern dort draußen auf dem einsamen Gehöft wusste noch kein Mensch etwas. Es würde noch fast einen ganzen Tag dauern, bis sie gefunden würden, aber der Finder würde sich nicht bei der Polizei melden, sondern so schnell wie möglich das Land verlassen.

Die beiden Kinder schlossen ihre Fahrräder vorne an der Straße an, dann trennten sie sich. Es musste sein, denn nun hatten sie nicht mehr viel Zeit. John ging langsam den Gartenweg zur Haustür entlang, während Merwie nebenan zu ihrer Tür ging. Sie klingelten gleichzeitig.

Johns Vater öffnete, überrascht, dass sein Sohn vorne klingelte, anstatt wie sonst durch die offene Hintertür zu gehen. John sagte nichts, ging in die Küche und rief seine Mutter. Der Vater zischte eine Beleidigung und griff nach einem Holzlöffel um John zu schlagen, doch der reagierte gar nicht darauf. Er nahm es nur wie durch Watte wahr. Die Zeit schien zäh zu laufen, wie Sirup.
Als seine Mutter in die Küche kam, war auch sie wütend. Sie hatte Tommie an der Hand. John wusste nicht, was er tun sollte.
Sein Mund sagte, wie aus tausend Meter Entfernung, langsam, seltsam deutlich: “Tommie, geh in dein Zimmer.”
Die Frau schlug John mit der Faust ins Gesicht, so etwas ließ sie sich nicht gefallen! Nur sie kommandierte den Kleinen herum, nicht John! Tommie nutzte die Gelegenheit zwar, um sich von ihrer Hand loszumachen, er rannte aber nicht weg. Egal, dachte John, ging auf Tommie zu und drehte sich dann zu seinen Eltern um, die nun in der Küche standen, während John in der Tür zum Flur stand und Tommie hinter ihm im Flur.
Jetzt.
Er zog die Pistole aus seiner Umhängetasche und zielte kurz auf seine Mutter. Die zuerst. John konnte nicht glauben, wie kaltblütig er sich plötzlich fühlte, als er ohne zu zögern abdrückte. Dann musste er schnell handeln, da der Vater keine Zeit haben durfte, die Situation zu erfassen. Auch er wurde erschossen.
Stille.
In seinen Ohren klingelte es. Dann hörte er ein leises Geräusch. Es war Tommie, der sich auf den Boden setzte und nach Atem rang. Er weint nicht, dachte John, es muss der Schock sein, Tommie weint ja gar nicht. John legt die Waffe auf einen Stuhl und geht mit Tommie nach draußen. Er will Tommie alles erklären, aber er findet keine Worte und so sagt er einfach gar nichts. Alle Nachbarn schauen durch die Gardinen, aber noch ist keiner auf der Straße. Da geht die Tür nebenan auf. Merwie kommt heraus, sie hat die Waffe noch in der Hand und wirkt wie eine Schlafwandlerin.
“Merwie!”, ruft Tommie mit hoher Stimme, “Merwie, du auch?”
“Ja, ich auch”, antwortet sie, lässt endlich die Waffe fallen und geht zu den beiden Brüdern. Sie umarmt John, einfach so, fällt ihm um den Hals und schluchzt. “Es ist vorbei, endlich vorbei!”, schluchzt sie.

‘Ich wünschte, das wäre es’, denkt John, ‘Aber jetzt fängt es doch erst richtig an. Naja, die eine Sache ist vorbei, aber etwas anderes fängt an. Alle Leute werden uns fragen, warum wir das getan haben. Wir werden Aussagen machen müssen, es wird Untersuchungen, Zeugenbefragungen und Gutachten geben und es wird Jahre dauern, bis das alles auch nur halbwegs vorbei ist.’

“Tommie, du weißt warum, oder?”, fragt er seinen kleinen Bruder, als das Polizeiauto schon um die Straßenecke biegt.
Tommie klammert sich an Johns Hand fest. “Ja, John, weiß ich. Weil sie uns und Merwie weh getan haben, darum, und weil uns sonst niemand geholfen hat, darum. Ich hab es versucht, aber keiner hat mir geholfen, auch die Lehrerin nicht und niemand. Darum habt ihr das gemacht, oder?”
“Ja, Tommie, genau darum.”

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