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Meeresbande Zine #1 S.58 – S.62 Definitionsmacht und Parteilichkeit

23. Januar 2011

PDF: Definitionsmacht und Parteilichkeit – 5

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Text:

(wir haben diesen Text im Internet gefunden, auf couragenetz.de, und dru­cken ihn mit Er­laub­nis der Autorin ab)

Definitionsmacht und Parteilichkeit

Ich versuche zu erklären, was ich unter diesen Begriffen verstehe… Es ist eins der Themen, die niemals ausdiskutiert werden können und wo es keine fertigen oder endgültigen Antworten gibt. Es bleibt wohl immer nur ein Versuch, in einer extrem schlimmen Situation den Schaden zu begrenzen.

Also, worum geht es hier überhaupt?

(Achtung ich schreibe möglicherweise triggernde Worte aus, ohne sie zu splatten oder so. Passt beim Lesen auf euch auf)

Ich meine Fälle von sexualisierter Gewalt ganz allgemein, egal was für Menschen beteiligt sind, also beschränke ich mich nicht auf Frauen als Täterinnen oder auf Kinder als Betroffene. Aber eben auch nicht auch Männer als Täter und Frauen oder Kinder als Betroffene.

Worte

Worte können verletzend sein oder Machtstrukturen stützen und damit Gewalt ermöglichen/erleichtern, deswegen sind sie mir relativ wichtig.

– Sexualisierte Gewalt: Ich spreche nicht von „sexueller“ Gewalt, da Sexualität hier nur das Mittel ist, mit dem Gewalt ausgeübt wird. Es geht den Täter_innen nicht um die Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse (sondern um Gewalt und Macht) und für die Betroffenen ist das natürlich erst recht keine Bedürfniserfüllung. Ich möchte also klar machen, dass die Täter_innen hier Sexualität instrumentalisieren.

Ich verwende auch nicht das Wort „Missbrauch“ in Bezug auf Individuen, denn es setzt einen „Gebrauch“ (eine Benutzung) voraus, der OK wäre, im Unterschied zum „Missbrauch“ der nicht OK ist. Notbremsen in Zügen können gebraucht, aber auch missbraucht werden. Wenn aber jemensch ein fühlendes Subjekt wofür auch immer benutzt, dann ist das immer eine Objektifizierung (d.h. es werden Personen wie Dinge behandelt) und damit niemals OK.

– Betroffene: Ich mag das Wort lieber verwenden als „Opfer“ denn es macht deutlich, dass auch Betroffene keine NUR und dauerhaft passiven und vollkommen handlungsunfähigen oder ohnmächtigen Wesen sind (wobei Betroffene AUCH passiv oder handlungsunfähig sein können oder sich als ohnmächtig erleben können).

– Unterstrich: Einigen wird schon aufgefallen sein, dass ich z.B. „Täter_innen“ schreibe anstatt nur von „Tätern“ oder von „TäterInnen“ zu schreiben. Ich will damit nicht nur weibliche Personen mitdenken, sondern alle Geschlechter – und es gibt entweder gar keine oder weit mehr als zwei, aber das wäre noch mal ein Buch für sich wert…

Definitionsmacht und Parteilichkeit

Das Konzept der Definitionsmacht beschreibt einen außergerichtlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt, der den Betroffenen ihren Subjektstatus, der durch die Grenzverletzung der sexualisierten Gewalt in Frage gestellt wurde, zumindest teilweise zurückzugeben versucht bzw mit dem sie selbst ihn sich wieder aneignen.

Es heißt Definitionsmacht, denn es soll die Betroffenen ermächtigen, dass nur sie selbst definieren können, was passiert ist. Der Gedanke dabei ist, dass es keine objektiven Kriterien dafür gibt oder geben sollte oder auch nur kann, was sexualisierte Gewalt ist und was nicht. Sexualisierte Gewalt ist das, was ein betroffener Mensch als solches erlebt. Nur die Betroffene Person selbst kann das wissen, fühlen und benennen. Es kann keine obektiven Kriterien dafür geben, wann wer was fühlt oder fühlen sollte. Wenn also eine Person sagt, das und das, was mir passier ist, war eine Grenzüberschreitung/ eine Vergewaltigung/ sexualisierte Gewalt oder was auch immer, dann ist das so. Dann geht es nicht darum, was nun „eigentlich“ oder „genau“ oder „tatsächlich“ passier ist. Insbesondere Details sollte kein Betroffener_keine Betroffene irgendwem mitteilen müssen, wenn sie oder er es nicht selbst möchte. Und sie sind auch nicht nötig, um irgendwem zu glauben oder sich „ein Bild machen“ zu können. Und hier kommt das zweite wichtige Prinzip ins Spiel: Die Parteilichkeit. Das bedeutet, parteilich auf der Seite der_des Betroffenen zu sein. Daraus folgt z.B. dass Leugnungen, Verdrehungen, Lügen und Gegenvorwürfen (z.B. die Person sei verrückt) der Täterin_des Täters NICHT geglaubt wird. Das sonst geltende Prinzip „Im Zweifel für den Angeklagten“ gilt in solchen Fällen NICHT, denn es würde zahlreiche schlimme Folgen haben:

Die Betroffenen müssten detailliert erklären und zu beweisen versuchen, was passiert ist. Es würde um „Fakten“ (oder meist Gerüchte) gehen und nicht um Gefühle und Empfindungen, denn die sind nicht beweisbar. Sowieso ist in Fällen von sexualisierter Gewalt so gut wie nie irgendwas beweisbar, aber selbst wenn – das sollte den Betroffenen nicht obendrauf noch zugemutet werden! Erst wird ihnen etwas angetan, was ihnen ihre Selbstbestimmung auf brutale Weise entzieht und dann müssen sie es auch noch Leuten haarklein aufdröseln, die „Im Zweifel für den Angeklagten“ sind?! Nein – es sollte ausreichen, wenn sie definieren, was passiert ist und was für einen Umgang sie sich damit wünschen. Doch bevor ich etwas über den weiteren Umgang sage, möchte ich noch auf einen Einwand eingehen, der immer wieder genannt wird.

Oft wird gesagt, wenn wir einfach alles glauben, was jemensch sagt, könnten insbesondere Frauen diese Macht gegenüber Männern ausnutzen, z.B. um Rache zu üben. Theoretisch ist das zwar so, aber erstens können auch Täter_innen das Gegenkonzept „im Zweifel für den Angeklagten“ ausnutzen und vor allem ist das viel wahrscheinlicher! Fast alle Täter_innen leugnen, verharmlosen, verdrehen oder lügen und kommen mit Gegenvorwürfen, um die Glaubwürdigkeit der betroffenen Person zunichte zu machen und fast alle sprechen der betroffenen Person ihre_seine Wahrnehmung ab. Umgekehrt ist die Vorstellung, dass eine Person freiwillig behauptet, eine sexuelle Grenzüberschreitung erlebt zu haben, um damit „niederträchtige“ Ziele (wie Rache) zu verfolgen, sehr abwegig. Für Personen, die anfangen, über die ihnen angetane sexuelle Gewalt zu sprechen, ist das alles andere als einfach. Wenn sie es öffentlich machen (was allerdings kein zwingender Bestandteil der Definitionsmacht ist), dann fast immer nur in Fällen, wo es keine andere Möglichkeit eines für sie erträglichen Umgangs mehr gibt, also nachdem sie schon alles andere ausprobiert haben. Es wird aber auch dadurch meistens nur noch unerträglicher und kommt zu extrem aufreibenden Konflikten und Auseinandersetzungen, durch die sie immer wieder mit dem Thema konfrontiert werden.

Wer einmal miterlebt hat, wie eine öffentliche Vergewaltigungs-Debatte selbst in angeblich nicht-sexistischen Kreisen geführt wird, wird nicht mehr denken, dass eine übergroße Gefahr besteht, Menschen könnten die Definitionsmacht missbrauchen. Wenn eine Person sich an einer anderen rächen will, kann sie so oder so Rufmord betreiben, Gerüchte in die Welt setzen oder was weiß ich noch für Sachen machen. Daran ändert sich nicht viel, wenn wir alle Definitionsmacht anerkennen und parteilich auf Seiten der Opfer sind. Leider ist das noch die absolute Ausnahme und gerade deswegen ist dieses Instrument der Selbstermächtigung besonders wichtig. Im Übrigen ist es oft so, dass Täter_innen sich rächen, weil die Betroffenen nicht mehr Opfer spielen wollen, indem die Täter_innen Rufmord betreiben und Verleumdungen und Lügen in die Welt setzen, denen zu häufig geglaubt wird.

Beim Umgang mit einem Fall sexualisierter Gewalt geht es in erster Linie darum, den Betroffenen ein Leben mit möglichst wenig Einschränkungen zu ermöglichen. Ich will damit nicht zynisch andeuten, dass sexualisierte Gewalt nur wenig einschränkende Folgen hat – aber es sollten eben nicht noch unnötig viele weitere hinzukommen und insbesondere sollten Retraumatisierungen vermieden werden. Und retraumatisierend ist eigentlich jedes Verhalten, das die Betroffenen nicht ernst nimmt, wenn ihnen nicht geglaubt wird oder ihnen ihr Selbstbestimmungsrecht (auch darüber, was sie wem erzählen wollen oder auch nicht) oder ihre Bewegungsfreiheit nimmt. Es geht NICHT um Strafe für die Täter_innen, auch wenn einige nötige Maßnahmen durchaus als solche empfunden werden können.

Oft ist es für die Betroffenen wichtig, sich weiterhin in ihrem gewohnten Umfeld zu bewegen, aber OHNE Angst haben zu müssen, den Täter_innen zu begegnen. Das kann bedeuten, dass die Täter_innen sich bereit erklären müssen, bestimmte Orte nicht mehr zu betreten, oder sofort und unaufgefordert zu verlassen, sobald sie erfahren, dass die betroffene Person auch dort ist. Falls sie das nicht freiwillig tun, sollten sie z.B. in Kneipen oder Veranstaltungsorten wo die_der Betroffene öfter ist, Hausverbot bekommen, sofern er_sie das fordert.

Das ist jetzt nur ein Beispiel dafür, was Betroffene oft fordern, um sich nicht noch zusätzlich extrem einschränken zu müssen. Was für (oder ob) ansonsten noch weitere Dinge wichtig sind, können die Betroffenen im Einzelfall herausfinden und sagen. Diese Forderungen müssen ernst genommen werden. Gut ist es, wenn es eine Unterstützer_innengruppe für die betroffene Person gibt. Diese kann neben emotionaler und eventuell auch praktischer Unterstützung auch als vermittelnde Gruppe gegenüber der Täterin_dem Täter auftreten oder auch gegenüber der Öffentlichkeit, falls der Fall öffentlich ist. Das kann die betroffene Person sehr erleichtern oder auch eine Vorraussetzung dafür sein, dass sie die Situation überhaupt ertragen kann. Natürlich sollten sich die Unterstützer_innen immer danach richten, was die betroffene Person möchte und keine eigene Agenda verfolgen oder ihr etwas aufdrängen.

Umgang mit Täter_innen

Wie schon gesagt, sollte es nicht um Strafe oder Rache gehen, das hilft einfach niemenschen. Im Gegenteil, es führt sogar dazu, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Täter_innen sich mit ihren Taten auseinander setzen, noch mehr schrumpft als eh schon, weil sie dann meist in Abwehrhaltung gehen und keine Unterstützung suchen oder bekommen, sich mit ihren Taten auseinander zu setzen. Dadurch werden Wiederholungstaten sehr wahrscheinlich. Beim Umgang mit Täter_innen ist Parteilichkeit mit den Betroffenen das wichtigste. Ersteinmal sollte darauf geachtet werden, dass sie keine weiteren Gewalttaten begehen und dass Täter_innen die Forderungen der_des Betroffenen achten. Manche tun das von sich aus, ansonsten sollten sie dazu gebracht werden, notfalls mit Auschlüssen (z.B. aus Räumen oder Zusammenhängen). Zusätzlich kann und sollte nach Möglichkeit auch Täter_innenarbeit gemacht werden, d.h. die Täterin_der Täter sollte sich ernsthaft, ehrlich und mit Respekt der betroffenen Person gegenüber mit der Tat oder den Taten auseinander setzen. Dabei braucht er oder sie eigentlich immer Hilfe, eventuell auch professionelle Hilfe. Wenn die Person aber von sich aus bereit ist, diesen Schritt zu machen, können sie auch Freunde dabei unterstützen, wenn diese das möchten und es sich zutrauen. Ziel sollte es sein, Empathie/ Ein­füh­lungs­vermögen mit der_dem_den Betroffenen zu finden, aber sich auch über die eigenen Gefühle und Denk-, sowie Handlungsmuster klar zu werden. Manchmal waren Täter_innen selbst auch von Gewalt betroffen, dann ist es wichtig, diese Erfahrungen zu verarbeiten. Aber wie genau Täter_innenarbeit gemacht werden kann, kann ich nicht genauer erklären, dazu gibt es extra Texte und Anlaufstellen.

NO MEANS NO

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