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Entwurf für Zine #2 – Coming Out: Wir sind asexuell

9. Oktober 2011

Achtung, kann triggern und/oder verstörend sein.

Dies haben wir vor über einem Jahr geschrieben, und da sich seit dem einiges geändert hat, haben wir den Text auch noch mal etwas überarbeitet.

 

Hallo,

Wir sind asexuell. Als System insgesamt sind wir asexuell und die allermeisten der Innenpersonen_ Kopfbewohner_innen sind asexuell.

Wir können uns erst seit kurzem öfter mit dem Thema Sexualität auseinander setzen, weil es uns immer ziemlich getriggert hat. Das ist zwar deutlich besser geworden, aber nur für einige von uns. Von dem, was wir dennoch (z.B. im Internet) lesen konnten scheint es, dass wir nicht die einzigen sind, die entweder als System oder als Einzelperson oder Innenperson asexuell sind.

Das war bei uns schon immer so. Ausnahmen gab es zwar, aber die Maskenleute haben GAR NICHTS von Sexualität mitbekommen. Wir dachten, wir wären noch Jungfrau (vom Viele-Sein wussten wir damals erst recht nichts), bis wir mit 19/20 Jahren nach und nach durch Flashbacks erinnerten, dass wir vrgwltigt wurden.

Wir schämten uns dafür, asexuell zu sein (ohne zu wissen, dass es das war, was mit uns „los war“). Besonders, als wir mit 16+ immer noch keinen Freund hatten und nie gehabt hatten. Wir dachten, wir MÜSSEN doch einen Freund haben wollen und „Erfahrungen machen“ wollen. Ich weiß nicht, ob wir Maskenleute das je wollten. Wir glaubten aber, dass wir es wollen, da wir nicht wussten, dass es so was wie Asexualität überhaupt gibt. Wir hätten kaum ein Problem damit gehabt, lesbisch zu sein, aber asexuell? Dafür haben wir uns unendlich geschämt! Wir haben uns auch zweimal verliebt. Beide Male in Jungen unseres Alters, beide Male haben die Jungs es nie erfahren. Es war Schwärmerei aus der Ferne. Im Nachhinein wissen wir nicht, ob es „echte Liebe“ war und wir nur unbewusst zu viel Angst hatten, sie anzusprechen, oder ob wir uns quasi eingebildet haben, verliebt zu sein, weil wir für uns selbst unbedingt das Bild aufrecht erhalten mussten, NORMAL zu sein.

NORMAL! Das war das Wichtigste! Auch wenn wir Maskenleute das nicht wussten. Wir mussten normal sein. Lesbisch, bi, hetero — wäre alles einigermaßen OK gewesen (denken wir), aber asexuell??? Das hätte unsere „mutter“ als ein Zeichen gesehen, dass was mit uns nicht stimmt. Sie hat sich eh schon „Sorgen gemacht“ dass wir noch keinen Freund haben. Es war für sie sehr wichtig, dass wir dem Bild der normalen Familie und der normalen Tochter entsprechen. Vor allem hätte Asexualität für sie bedeutet, dass wir Angst vor Sexualität haben. Was zwar stimmt, aber erstens nicht für alle asexuellen Menschen stimmt und zweitens durften wir das niemals zeigen. Wir mussten ja normal sein. Probleme durften wir nicht haben. Wir Maskenleute wussten auch selbst noch nicht mal, dass wir Probleme mit Sexualität, bzw. große Angst davor haben. Es hätte auch für uns das Selbstbild viel zu sehr ins Wanken gebracht, wenn wir uns selbst als asexuell erkannt hätten. Das hätte unser System zu sehr destabilisiert, zumal wir besonders in der Pubertät in einer von außen ausgelösten Krise waren, die unsere Überlebensmechanismen und unser Funktionieren sehr gefährdete. Wir waren sehr nah am Zusammenbruch damals. Wir konnten nicht riskieren, dass die Maskenleute Verdacht schöpfen, dass wir je sexuelle/sexualisierte Gewalt erfahren haben. Diese Ahnung gab es in der Zeit und das war sehr gefährlich. Es wurde auch schnell wieder weggeschoben. Jedenfalls konnten und durften die Maskenleute nicht wissen, dass sie asexuell sind. Denn dann hätten sie erst recht gedacht, dass sie Angst vor Sexualität haben und dass sie diese Angst haben, weil sie Gewalt erfahren haben.

Ne Zeit lang ging es ganz gut, einfach zu denken „Ich bin ja noch zu jung dafür“. Dann, als die Gleichaltrigen alle/fast alle schon zumindest mal nen Freund_ne Freundin gehabt hatten, wurde es zunehmend schwieriger für uns. Wir hatten Angst, jemand könnte uns damit aufziehen, dass wir noch nie einen Freund hatten. Wir haben mit keinem Menschen darüber gesprochen. Nicht mal mit unserem Zwilling. Wir hofften, dass keine_r unserer Mitschüler_innen wusste, dass wir noch nie wen geküsst hatten, oder einen Freund hatten oder auch nur Händchen gehalten haben. Kein Mensch fragte uns zum Glück je danach. Wir haben unserer besten Freundin erzählt, dass wir in einen Star verliebt sind, weil es uns peinlich war zuzugeben, dass wir gar nicht verliebt sind und es auch nie waren (das war bevor wir diese „Schwärmereien” hatten).

Wir gingen so gut es ging allen Situationen aus dem Weg, die was mit Sexualität zu tun hatten. Spielten nicht bei Flaschendrehen mit, weil wir angeblich grade Herpes hatten und solche Sachen. Wenn wir bei Teenie-Partys in so Situationen waren, wo die anderen mit Sexualität gespielt haben (z.B. einen Pornofilm geguckt oder Sex-Witze gemacht haben), dann haben wir einfach nur versucht, nicht aufzufallen. Waren sehr angespannt und fanden es schwierig und nicht witzig oder irgendwas. Im Gegenteil, es hat uns meistens eher Angst gemacht. Wir haben uns vor allem gefragt, wie wir es schaffen können, uns nicht zu beteiligen ohne aufzufallen. Wir wollten nicht auffallen. Naja, im Nachhinein sind wir sicher, dass wir nicht die einzigen waren, die in so Situationen nervös waren und sich unwohl gefühlt haben, das waren vielleicht sogar alle zu einem gewissen Grad. Es waren alles Sachen, die wohl für Jugendliche normal sind.

Es gab mindestens eine Innenperson, die in einen Jungen verliebt war und sich auch Nähe gewünscht hat, die über die Freundschaft und die enge Bindung herausgehen, die viele andere von uns zu diesem Jungen empfanden. Aber das ist eigentlich die einzige wirkliche Ausnahme (die uns bewusst ist), wo es Liebe und auch sexuelle Wünsche bezogen auf eine konkrete Person gab.

Jetzt ist es so, dass wir weder eine_n Freund_in haben, noch haben wollen oder uns das auch nur wirklich vorstellen können. Es gibt schon einige wenige (schätzungsweise eine Handvoll von etwa 100 Leuten), die sich manchmal nach körperlicher Sexualität sehnen oder davon träumen. Aber es ist immer noch sehr schwer und oft auch unmöglich, diese Sehnsüchte und Wünsche zu haben, ohne sich selbst zu triggern. Sexuelle Phantasien driften sehr oft total ab und werden richtig schrecklich, also mit meist heftiger Gewalt und Leid. Das war auch schon so, als wir noch jugendlich waren, da haben sich die Maskenleute auch immer für pervers gehalten, dass sie so eklige Phantasien haben. Aber das ist ein anderes Thema. Wir nennen diese Phantasien jetzt metaphorische Flashbacks, denn das sind sie eigentlich. Es sind keine Wünsche. Seit kurzem gelingt es aber einigen von uns manchmal, sexuelle Phantasien soweit zu steuern, dass sie überwiegend gut tun, statt zu schaden und uns fertig zu machen. Manchmal fühlt es sich sogar gut an und hilft einzelnen Innenpersonen, z.B. indem sie erfahren, dass Sexualität auch das Gegenteil von sexualisierter Gewalt sein kann. Das ist eine revolutionär neue Erfahrung für uns.

Es gibt aber einige wenige, die sich wünschen, eines Tages eine Sexualität zu finden und auch ausleben zu können, die nicht weh tut, nicht triggert, nicht traurig macht oder ängstigt (häh? geht das?), sondern schön ist. Puh, das ist echt schwer, zu schreiben. Viele von uns können es sich nicht vorstellen, dass es sowas gibt.

Wir wissen, dass es Menschen gibt, die freiwillig sexuelle Sachen machen und die auch nicht unbedingt darunter leiden oder sich selbst damit schaden. Die es sogar mögen und schön finden und sich darauf freuen und sich hinterher auch gut fühlen. Aber nur einige von uns können das auch glauben. Viele von uns sind fest davon überzeugt, dass Sexualität weh tut, schadet, Angst macht, schrecklich ist!!! Was anderes haben wir nie erfahren und können es uns auch nur selten vorstellen. Aber manche von uns wünschen es sich. Sie wünschen sich, dass sie solche „gute“ Sexualität mal erfahren können. Also einen anderen Menschen streicheln oder küssen oder so. Muss ja nicht gleich Sex sein! Aber das geht alles nicht. Das können wir nicht, oft noch nicht mal denken. Wir können Sexualität auch nicht alleine genießen. Wenn wir überhaupt mal – was zum Glück nur sehr selten ist! – „Selbstbefriedigung“ machen, dann ist es eigentlich immer selbst­schädigendes Verhalten oder driftet zumindest dahin ab. Selbstschädigend in dem Sinne, dass es uns währenddessen und auch danach schlecht geht. Und das nicht, weil wir verinnerlicht haben, dass sowas unmoralisch oder falsch sei, sondern einfach, weil es unglaublich triggert. Eigentlich kommt es uns meist so vor, als würden Innentäter uns das antun. Wir wissen aber nicht, ob das tatsächlich so ist.

Außerdem ist Lust für fast alle von uns immer mit körperlichem Schmerz verbunden und das mögen wir gar nicht. (Aber es ist möglich, dass das nicht für alle von uns gilt.)

Auch die, die sich eine schöne, aktive Sexualität für die Zukunft wünschen, wollen das jetzt nicht ausleben, weil sie uns andere nicht triggern und schädigen wollen. Auch wenn sie traurig und zum Teil auch ungeduldig sind, dass es jetzt nicht möglich ist, das auszuprobieren.

Wir können natürlich nicht mit Sicherheit wissen, ob wir ohne die Gewalt auch asexuell geworden wären. Eine Zeitlang dachten wir, dass unsere Asexualität die direkte Folge der Gewalt ist. Trotzdem sahen wir unsere Asexualität nicht als etwas Krankes oder Kaputtes oder etwas, das uns fehlt oder das wir überwinden wollen oder müssen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns in Richtung Heilung, aber das Ziel war NIE und ist NICHT, eine andere sexuelle Orientierung als Asexualität zu finden oder zu leben! Wir haben schon viel zu oft versucht, anders zu sein als wir sind, aber das hat nicht funktioniert und uns nur geschadet. Wir sind offen dafür (naja, versuchen es zumindest), dass wir in Zukunft sexuell werden könnten. Einige von uns wünschen sich das, anderen ist es eher egal, andere fürchten sich davor.

Inzwischen wissen wir allerdings, dass wir auch ohne die sexualisierte Gewalt asexuell geworden wären — wobei wir dann auch gar nicht „wir” wären… es ist so, wie zu fragen: „Was wäre deine Lieblingsfarbe geworden, wenn du vor 200 Jahren am anderen Ende der Welt aufgewachsen wärest?” Darauf gibt es einfach keine sinnvolle Antwort — erstens, weil unsere Asexualität nicht einfach nur eine Verdrängung oder Verleugnung von Sexualität/Begehren ist, sondern weil dieses Begehren einfach nicht da ist. Und vor allem auch, weil wir zu unserem großen Erstaunen erfahren haben, dass die meisten Überlebenden von sexualisierter Gewalt trotzdem genau so (k)ein Verlangen/Begehren nach Sexualität haben, wie andere Leute auch, „nur” eben öfter Probleme, das auch umzusetzten (z.B. wegen Triggern, Ängsten, Beziehungsproblemen, schädlichen verinnerlichten Botschaften, gelernten Mustern etc). Das gilt auch für einige unserer Innenpersonen, besonders ein paar schwule Jungs (Jugendliche).

Wir brauchen keine Sexualität, um ganz zu sein, um ein erfülltes Leben zu führen oder sonstwofür.

Wir sind asexuell und das ist auch gut so!

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