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Meeresbande Zine #1 Beilage – Sexualisierte Gewalt von Frauen

9. Oktober 2011

Dieser Text ist von couragenetz.de. Wir nehmen ihn mit in unser Zine auf, weil auch wir von Frauen („mutter“ und Nachbarin) sexualisierte Gewalt erfahren haben und vieles in diesem Text ge­nau so kennen, auch wenn es einige Unterschiede gibt.

Hier gibt es das E-Zine mit Bildern zum angucken und auch zum Runterladen oder ausdrucken (kleine Buttons rechts oben).

Sexualisierte Gewalt von Frauen

Ein Zine

Ich bin von meiner Mutter und Großmutter sexuell missbraucht worden.

Ich bin Feminist_in.

Ich habe das Gefühl, ich komme nicht vor.

Frauen* üben sexualisierte Gewalt aus. Sie sind Täterinnen. Es gibt sie. Und es gibt Überlebende.

Um das zu sagen habe ich dieses Zine geschrieben. Denn ich habe das Gefühl ich komme mit dieser Geschichte nirgendwo vor. Während es bei anderen Themen ( z.b. linksaussen, Gender, Feminismus, BDSM*) Subkulturen gibt, in denen ich mich einigermaßen unter „meines­glei­chen“ fühlen kann, bin ich als Überlebende_r von Frauengewalt auch in „meiner“ Subkultur unsichtbar. Frauen* als Täterinnen sind kein The­ma. Und das kotzt mich an.

Der weisse Fleck in Bezug auf „Gewalt von Frauen“ bringt mich oft zum Schweigen. Gerade dort, wo ich gelernt habe frei und schamlos zu sprechen. Stattdessen habe ich Angst, dass mir nicht geglaubt wird. Dass meine Erfahrungen herunter gespielt werden.

Als Mensch die/der sexualisierte Gewalt von Frauen* erlebt hat habe ich einerseits mit den gleichen Folgen zu kämpfen wie Überlende von Männergewalt, z.b. Selbsthass, Angst vor Nähe, das Gefühl wertlos zu sein, Angst im allgemeinen, Trigger*

Andererseits beschert mir die Erfahrung ein paar Extradreher.

Frauenräume fühlen sich für mich nicht unbedingt sicherer an. Gleichzeitig finde ich Frauenräume und -projekte politisch richtig und notwendig.

Ich kann nicht so einfach Männer als Täter (die bösen) und Frauen* als Opfer/ Verbündete (die guten) sehen, wie viele andere.

Ich selbst habe als Mädchen Selbstverteidigung gelernt und bin heute froh über die Mädchen und Frauen* mit denen ich zusammen boxe. Gleich­zeitig habe ich Angst vor gewalttätigen Frauen*.

Fast alle Frauen*, mit denen ich befreundet bin sind Lesben. Ich selbst erfülle in vielerlei Hinsicht lesbische Klischees. Ich gehe auf lesbische BDSM*-Play-Partys und lese lesbische Erotika. Aber die Vorstellung tatsächlich mit einer Frau (genitalen) Sex zu haben verursacht mir Übelkeit und versetzt mich in Panik.

Mit 17 habe ich meiner Mutter erzählt, ich wäre bisexuell (das war da­mals die am meisten zutreffende Kategorie). Sie ist ausgeflippt. Hat eini­ge furchtbar homophobe Sachen von sich gegeben. Jetzt, etwa acht Jahre später fange ich an mich zu erinnern, dass SIE mich sexuell miss­braucht hat. Und selbst hetero ist. Und bis auf die Knochen homophob.

Meine Mutter hat mich mit etwa elf Jahren zum Selbstverteidigungskurs geschickt, damit ich als Mädchen lerne mich zu wehren. Gleichzeitig hat sie mir einen ausgeprägten Hass gegen Frauen* eingetrichtert und mir beigebracht mich selbst zu hassen.

Ich sehe jeden Tag die sexistischen Missverhältnisse in der Welt, die massive Gewalt, die Frauen* von Männern* angetan wird. Gleichzeitig gibt es eine kleine Stimme in meinem Kopf, die sagt „Das stimmt nicht! Frauen* sind nicht nur Opfer, sie sind auch Täterinnen“

Zwischen den meisten Frauen* scheint es einen Konsens zu geben, das bestimmte Dinge untereinander harmlos und OK sind,

z.B. oberflächlicher Körperkontakt, oder sich in der Umkleidekabine auszuziehen. Diese „automatische Harmlosigkeit“ ist mir ein Rätsel.

Als Überlebende_r die/der sich erst im Erwachsenenalter erinnert, käm­pfe ich damit mir selbst zu glauben.

Ich versuche all die widersprüchlichen Botschaften mit denen ich aufgewachsen bin auseinander zu sortieren und ein einheitliches Bild herzustellen. Von mir und von der Welt da draußen.

Dieser Prozess ist schwierig und schmerzhaft. Er wird noch erschwert, dadurch dass es außerhalb von mir selbst keine Vorstellung davon gibt, was mir passiert ist.

Eine Mutter, die ihr Kind zu sexuellen Handlungen zwingt, ohne einen Mann*, als „Haupttäter“ gibt es nicht. Weder im Mainstream, noch in der queer-feministischen Kultur.

Aber das Bild ist da, nur bewegt es sich immer knapp außerhalb des Gesichtsfeldes, so das ich es nicht klar erkennen kann, so weit ich den Kopf auch drehe.

Apropos „Bild“: Linke Darstellungen von gewalttätigen/ bewaffneten Frau­en* sind immer befreiend gemeint. Anscheinend können wir* uns nicht vorstellen, dass Frauen* Gewalt benutzen, ohne dass es eman­zipa­to­risch ist. (Auch wenn es auch in Deutschland inzwischen Soldatinnen gibt).

Auch ich finde solche Darstellungen oft ansprechend, politisch richtig und sexy. Aber mir fehlt etwas.

Ich glaube, dass diese Bilder so gut funktionieren, weil Frauen* immer auch als Opfer gesehen werden. Auch wenn sie in anderer Hinsicht vielleicht privilegiert sind (Klasse, Hautfarbe, etc.)

Und: „Frauen* sind nicht gewalttätig“. Sind sie es doch, dann obwohl sie Frauen* sind. Weiblichkeit und die Fähigkeit Gewalt auszuüben stehen immer noch im Widerspruch zueinander.

Ist es möglich eine Frau nur als Täterin zu sehen? So wie wir* einen Mör­der nur als Mörder sehen und nicht auch noch als Opfer des gewalt­tätigen Systems, in dem wir* alle leben.

Ich hielt neulich einen Flyer in der Hand, auf dem eine Möse abgebildet war, verbunden mit der Aufforderung sich zu fürchten. Die Heraus­geber_innen nennen sich selbst u.a. „fanatically feminist“. Ich kann mir vor­stellen, welche Wirkung die Collage bei dem/der Betrachter_in ha­ben soll. Bei mir löst sie Übelkeit und Wut aus, denn ich habe reale, mehr als beängstigende Erfahrungen mit weiblichen Genitalien ge­macht.

Ein Mann*, den ich bis dahin als Freund bezeichnete, mit dem ich lange Jahre Polit-Arbeit gemacht habe, wird als Vergewaltiger geoutet. Ich bin schockiert und überrascht. Und überrascht, dass ich überrascht bin.“Es kommt in den besten Familien vor“ geht mir durch den Kopf. Nicht ohne einen zynischen Unterton. Und doch, hatte ich ihm das bis jetzt nicht zugetraut. Eine Freundin, mit der ich darüber spreche, die selber Missbrauch und Vergewaltigung überlebt hat, traut quasi allen Männern* zu, Täter zu sein. Ich merke an, dass ich Missbrauch von Frauen* erlebt habe. Damit müsste ich eigentlich niemandem vertrauen, denn es gibt für mich kein Merkmal –zumindest kein geschlechts­pezifisches– wonach ich Menschen einteilen könnte, in entweder „poten­zielle Täter_innen“ oder „potenzielle Freund_innen“.

Sie entschuldigt sich. Sagt, dass es natürlich nicht nur die Männer* sind. Ich habe das Gefühl, sie versteht mich, ich muss nichts weiter erklären. Dennoch war ich wieder in der Situation etwas klarstellen zu müssen. Wieder falle ich aus einer vorgefertigten Kategorie heraus.

Eigentlich versuchen „wir*“ – Feminist_innen und queers– das Ge­schlecht einer Person NICHT an äusseren Merkmalen oder seinem/ ihrem Verhalten festzumachen. Aber der Täter ist immer noch männ­lich.

Ich schöpfe aus einem immensen Pool feministischen Wissens und Könnens. Das hat mir geholfen zu überleben. Gleichzeitig stoße ich gerade bei einigen meiner Genossinnen gegen eine frauenverklärende Wand. Auch sie können sich TäterINNEN nicht vorstellen.

In dieser Hinsicht werden Frauen* selbst von manch einer gestandenen Kampflesbe nicht für voll genommen.

In einer Diskussion mit eben solcher sage ich, dass Frauen* für mich so bedrohlich sind wie Männer*. Oder bedrohlicher. Sie sagt, Frauen* würden mit Worten verletzen, das wäre oft noch schmerzhafter. Bullshit. Frauen* nutzen die Macht aus die sie über Kinder haben. Meine Mutter hat das getan. Sie hat mich benutzt und zwar körperlich.

Eine andere feministische Freundin von mir versuchte meine ersten Er­innerungen an die Taten meiner Großmutter zu relativieren. Ihre spon­tane Reaktion war zu vermuten, dass mein Therapeut die Erinnerungen suggeriert hat. In einem späteren Gespräch hat sie mir zugestimmt, dass sie das gleiche nicht gemacht hätte, wenn ich von meinem Gross­VATER erzählt hätte.

Es gelingt mir nicht „Gewalt von Frauen“ in meine feministische Sicht auf die Welt zu integrieren.

Über Gewalt von Frauen* zu sprechen erscheint mir gleichzeitig feministisch und reaktionär. Feministisch, denn es bedeutet einen Bruch in der sexistischen Schablone in die Frauen* im allgemeinen gepresst werden. Reaktionär, weil ich das Gefühl habe damit den Sexismus gegen Frauen* herunterzuspielen. Dann sind Frauen* doch nicht so benachteiligt, wie wir* immer behaupten.

Mir fehlt eine passende Analyse. Die ich mit meinen Genoss_innen teile, die mich handlungsfähig macht.

  • Ich will, dass Gewalt von Frauen* ernst genommen und mit gedacht wird. So wie z.B. „Geschlecht ist keine natürliche Begebenheit“

  • ich will nicht die Gewalt die Männer* ausüben herunterspielen

  • ich möchte, dass wir* Frauen* ALLES zutrauen, was wir* auch Männern* zutrauen.

  • Das Gewalt von Frauen* nicht idealisiert wird. Auch nicht indem sie als -emanzipatorische- Militanz dargestellt wird. (wie das geht, ohne nur noch lieb und nett auszusehen, weiß ich auch nicht so genau)

*Glossar*:

  • „Männer“ „Frauen“: Ich weiss, dass es mehr als nur diese zwei Geschlechter gibt. Ich habe das in diesen Text nicht mit eingearbeitet, weil mir das ganze Thema schon verworren genug ist. Ich bitte alle, die sich nicht in der einen oder anderen Kategorie wiederfinden um Ent­schul­digung.

  • „Wir“: Mir ist selber nicht ganz klar wen ich mit diesem „wir“ meine. Erstmal alle, die dieses zine lesen. Alle, denen eine freie Gesell­schaft am Herzen liegt. Alle die sich mit Geschlecht/ Sexualität/ Gewalt/ Heilung auseinander setzen…

  • BDSM: Abkürzung für: Bondage and Discipline,DominanceandSubmission, Sadism and Masochism. Ich verstehe unter BDSM Praktiken, die unter gegenseitigem Einverständnis zwischen Erwach­se­nen ausgeführt werden. Sie können zufügen von Schmerz, Fesseln, Rollenspiele und vieles andere beinhalten und bereiten allen beteiligten in irgendeiner Form Lust/ Freude. BDSM ist nicht das gleiche wie sexualisierte Gewalt! Siehe z.B.: http://www.datenschlag.org

  • Trigger: „Ein Trigger ist ein Ereignis, das den Traumatisierten hauptsächlich emotional an sein Trauma erinnert (meist in Form von Ängsten). Zum Beispiel kann das Geräusch eines Sylvesterknallers bei einem Menschen, der einen Bombenangriff miterlebt hat, panische Angst auslösen. An das eigentliche traumatische Ereignis erinnert er sich jedoch in vielen Fällen nicht, besonders wenn es sich im Klein­kind­alter ereignet hat.“ (Quelle: Wikipedia)

Dieses Zine erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder perfekt ausformulierte Thesen. Bitte gib es weiter, kopier es und diskutier darüber. Ich freue mich über Rückmeldungen!

thewayout@gmx.net

One Comment leave one →
  1. eulenstaub permalink
    17. Oktober 2013 21:04

    Liebe_r Verfasser_in,

    es ist unheimlich befreiend endlich etwas Geschriebenes über (sexualisierte) Gewalt die von Frauen* ausgeht zu lesen. Denn es lässt mich regelmäßig verzweifeln, dass einzig Männer* als Täter (sexualisierter) Gewalt thematisiert werden und die Sichtbarkeit von (sexualisierter) Gewalt, von Frauen* ausgeübt, nicht denkbar scheint. Gerade auch in queeren Räumen vermisse ich oft die Weitsichtigkeit bezüglich dieses Punktes.
    Du schreibst „ich möchte, dass wir* Frauen* ALLES zutrauen, was wir* auch Männern* zutrauen.“ und ich denke dafür benötigt es vor allem die Sichtbarmachung, was bedeutet, dass Betroffene (es gibt m.E. keinen Konsens und jede_r sollte eine eigene Bezeichnung für sich finden) das Schweigen brechen und die Angst, nicht ernst genommen zu werden, (da ja Frauen* als Opfer gedacht werden) nicht als Hindernis dominant werden lassen. Personen üben (sexualisierte) Gewalt aus und es zu benennen, dass auch Frauen* dazugehören, ist ebenso ein feministisch_emanzipatorischer Schritt, wie die Sichtbarmachung von allen anderen, in der Gesellschaft vorherrschenden, Missständen.

    Dein Text ist für mich ein Anfang. Vielen Dank!

    Eulenstaub

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