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Entwurf für Zine #2 – Trigger, was ist das?

10. Oktober 2011

Trigger – was ist das?

Viele, die das hier lesen, wissen es vielleicht schon und/oder kennen es von sich selbst.

Als ich, Leona, damals für mich zum ersten Mal anfing, im Internet Infos über „sexuellen Missbrauch an Kindern“ (so wird sexualisierte Gewalt ja oft genannt) zu suchen, las ich auch so Sachen wie „Achtung Trigger“ oder „Achtung keine Triggerwarnungen und keine Splats*!“ was mich verwirrte, denn ich wusste weder was Trigger sind, noch was Splats sind, noch warum vor etwas gewarnt wird, das nicht da ist…

Also, Trigger ist englisch und bedeutet „Auslöser“. Auch Schalter, oder der Auslöser einer Kamera heißen Trigger. Aber hier geht es jetzt natürlich nicht um solche Trigger, sondern um innere Trigger.

Alle traumatisierten Menschen können Trigger haben, nicht nur welche, die Viele sind.

Ein Trigger kann alles mögliche sein – ein Wort, eine Formulierung, ein Bild, das Aussehen einer Person, eine Handbewegung, eine bestimmte Athmosphäre, ein Duft, eine bestimmte Qualität des Lichts, sogar ein eigener Gedanke – das irgendwie, bewusst oder (meist) unbewusst, an ein Trauma erinnert. Wobei diese Art der Erinnerung meist etwas anderes ist, als wenn ich mich an eine Vokabel erinnere, die ich letzte Woche gelernt habe und die nun im Test abgefragt wird, und auch was anderes als eine Erinnerung an ein nicht-traumatisches Ereignis. Es wird meist von evolutionsmäßig sehr alten Teilen des Gehirns, die auch in der individuellen Entwicklung eines Wesens sehr früh ausgebildet werden, in einer Geschwindigkeit, die weit über jedes bewusste Denken hinausgeht, eine Verbindung hergestellt, die eine sofortige Reaktion hervorruft. Die Reaktionen können ganz unterschiedlich und auch widersprüchlich sein, manchmal kommen sie selbst – oder insbesondere – der betroffenen Person „verrückt“ vor. Beispiel: Ich sehe in der U-Bahn eine Person mit einer bestimmten Frisur und mir wird sofort schlecht und ich werde gleichzeitig wütend auf diese Person, die ich noch nie zuvor gesehen habe und die mir nichts getan hat. Aber ihre Frisur hat mich getriggert. Meine Reaktion (Wut) kann ich so schnell gar nicht steuern oder verhindern, aber ich kann verhindern, dass die Wut nach außen sichtbar wird.

Folgende Reaktionen können bei Triggern auftauchen (unvollständige Liste), auch in Kombination miteinander:

Dissoziation, das Gefühl vom Körper und/oder von Gefühlen getrennt zu sein, mal in geringer Ausprägung wie verträumt sein, ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl, mal auch in stärkeren Ausprägungen, wie den gesamten Körper oder einzelne Körperstellen gar nicht wahrnehmen, sich nicht bewegen können (gelähmt sein), nicht reagieren können, Erstarren, Erinnerungslücken/Black-outs, sich selbst von außen sehen, Switchen (Wechseln zwischen verschiedenen Innenpersonen bei Leuten mit DIS), Drehtür (unkontrolliertes, schnelles Switchen zwischen mehreren Innenpersonen) und ähnliches

– Angst, Panik, Fluchtwunsch oder Fluchtverhalten

– Wut, Aggression, Ärger, schlechte Laune, ungerecht sein, sich durch Angriff verteidigen wollen

– Flashbacks, Erinnerungen, z.B. in Form von Bildern oder Filmen, die plötzlich und unkontrolliert auftauchen können (aber sich auch langsam anbahnen können), Körpergefühlen, emotionalen Gefühlen, Wissen/Erkenntnissen, Gerüchen, Geräuschen, Worten, Sätzen, Eindrücken, Gedanken etc… Es gibt sehr viele verschiedene Arten der Erinnerung!

– körperliche Schmerzen, Zittern, Zurückzucken, Gänsehaut, Schwitzen, Frieren, Verspannungen etc. Es können sogar blaue Flecken o.ä. auftauchen und real da sein, die in einer längst vergangenen traumatischen Situation entstanden und nun plötzlich wiederkehren

– Erstarrung, Lähmung, Gefühl von Leere oder als wenn die Zeit stillsteht/ sich verlangsamt (körperlich, emotional und/oder gedanklich)

– Verschobene, verzerrte Wahrnehmung der Umgebung und/oder von sich selbst (z.B.: Alles wirkt plötzlich greller, lauter oder aber dumpfer, „weiter weg“; bestimmte Dinge werden ausgeblendet; Halluzinationen)

 

Es tauchen also die typischen Reaktionen: Flucht, Kampf oder Erstarren/Dissoziation auf, die auch in bedrohlichen Situationen auftauchen, selbst wenn ein Trigger gar nicht wirklich bedrohlich ist. Klar triggern aber auch Situationen, die tatsächlich bedrohlich sind und im getriggerten Zustand ist das oft auch nur schwer auseinander zu halten (aber das kann mensch lernen). Zusätzlich können Erinnerungen an ein oder auch mehrere vergangene Traumata hochkommen, sowohl solche, die schon vorher bewusst erinnert wurden, als auch solche, die bis dahin noch unbewusst, verdrängt oder abgespalten waren und vielleicht von einer anderen Innenperson getragen wurden. Diese Erinnerungen sind manchmal auch mehr als einfache Erinnerungen, sondern ein regelrechtes Nacherleben der traumatischen Situation, teilweise mit allen Sinnen.

Deswegen sind Trigger potentiell retraumatisierend und können eine Person/ein System destabilisieren, d.h. aus dem Gleichgewicht bringen. Der Zustand des Getriggert-Seins kann unterschiedlich lange andauern, auch tagelang.

Was wen triggert ist nicht nur von Person zu Person und von System zu System unterschiedlich, es kann sich auch ändern und ist oft nicht vorhersehbar. Es kommt auch auf verschiedene Faktoren an, also z.B. auf die Situation, in der mensch einem Trigger oder potentiellen Trigger ausgesetzt ist. War ich darauf vorbereitet? Fühle ich mich ansonsten sicher? Habe ich Menschen um mich, denen ich vertraue? Schäme ich mich dafür, dass ich getriggert bin/werden kann? Habe ich grade einen guten oder schlechten Tag? Bin ich müde oder krank oder nervös oder hungrig? Geht die triggernde Situation schnell vorüber oder dauert sie an? Wer ist grade vorne (bei multiplen Systemen), wie sind verletzliche Innenpersonen geschützt/abgeschirmt? Welche Themen sind bei mir/uns grade präsent? Setze ich mich zur Zeit mit dem Thema auseinander, dass der Trigger antickt? Etc. etc…

Diese Faktoren können anfälliger oder auch weniger anfällig für Trigger machen, auch das ist teilweise von Person zu Person bzw. von System zu System verschieden und kann sich ändern.

Grundsätzlich gilt, dass es möglich ist, einen Umgang mit Triggern zu lernen. Dazu kann gehören, triggernde Situationen zu vermeiden oder aber auch, zu lernen, diese nicht mehr zu vermeiden. Ich persönlich finde es sinnvoll, Dinge und Situationen zu vermeiden, von denen ich weiß, dass sie mich triggern werden, es sei denn, es gäbe einen anderen guten Grund, sich dem trotzdem auszusetzen. So würde ich mir z.B. keine „Ab 18“-Filme ansehen, weil es mich triggert und mir zumindest zur Zeit auch nichts bringt. Aber ich gehe in Vorlesungen an der Uni, die potentiell triggernde Themen beinhalten (Queer Theory Ringvorlesung) und da habe ich verschiedene Strategien, damit umzugehen. Die einfachste, aber nicht die beste, ist: Aushalten. Klar, wir sind supergut im Aushalten…

Wir zeigen auch nie nach außen, dass wir getriggert sind, zumindest nicht, wenn andere Menschen das mitbekommen könnten. Etwas besser ist es, wenn wir uns, sobald wir merken, dass wir getriggert sind, gegenseitig um uns kümmern, also z.B. Leona ein verängstigtes Kind tröstet oder was auch immer grade angesagt ist. Noch besser ist es, wenn wir uns vorher drauf vorbereiten konnten und die triggergefährdeten Personen innen abgeschirmt sind, so dass sie nicht getriggert werden. Sie bekommen es dann nicht mit. So nehme ich z.B. die Kinder nicht mit in die Queer-Vorlesung, bzw. sie sind dann innen und nicht so weit vorne, dass sie was mitbekommen.

Es ist auch möglich, zu üben, mit Triggern klar zu kommen. Dabei kann auch die Therapie, ein Selbsthilfeforum oder eine Selbsthilfegruppe helfen. Oft wird in der Therapie (aber es ist auch ohne Therapie möglich) ein Notfallkoffer erarbeitet, in dem u.a. Dinge drin sein können, die bei Triggern helfen. Es kann helfen, sich gut um sich selbst zu kümmern und sich was Schönes zu gönnen nach einem Trigger. Aber vorher ist es meist nötig, die triggernde Situation entweder zu verlassen, oder zu verändern, z.B. indem mensch bittet, das Thema zu wechseln, falls das grade das Problem ist. Es kann auch helfen, sich klar zu machen, dass es nur ein Trigger und keine reale Bedrohung war, dass die traumatisierende Situation von früher vorbei ist, und eine Realitätskontrolle durchzuführen (wie alt bin ich, welches Datum haben wir, wo bin ich, was ist hier um mich rum, was nehme ich war; 5-Dinge-Übung). Für mich/uns war es schwierig, aber sehr lohnenswert, zu lernen, dass wir triggernde Situationen verlassen dürfen und können! Manche Leute möchten vielleicht eher lernen, nicht sofort zu fliehen, aber für uns ist grade das oft hilfreich. Wenn sich neben uns Menschen über etwas unterhalten, das mich triggert, ist es besser, wegzugehen, als es auszuhalten. Unter Umständen ist es auch möglich, zu fragen, ob wir das Thema wechseln können, doch das geht für uns nicht immer, da wir oft Angst haben, uns zu „outen“ als welche, die sich von bestimmten Themen getriggert fühlen. Denn wir haben Angst, dass Menschen dadurch zu viel über uns erfahren oder erraten könnten. Tatsächlich lassen Trigger ja oft Rückschlüsse auf vergangene Traumata zu. Es kann aber auch irreführend sein, diesen Rückschluss zu ziehen, denn Trigger können auch „über Ecken“ funktionieren, insbesondere da Menschen in traumatischen Situationen oft Dinge wahrnehmen, die sie sonst nicht wahrnehmen oder sich sogar gerade auf die Dinge konzentrieren, die nicht bedrohlich sind, um sich abzulenken. Zumindest bei uns laufen Trigger auch oft über z.T. recht weit hergeholte Assoziationen.

 

Wenn du merkst, dass ein Mensch oder ein System getriggert ist/sind, dann versuche alles zu vermeiden, was weiterhin triggert. Insbesondere Berührungen können triggern und es ist nicht OK Menschen in getriggertem Zustand einfach so anzufassen! Berührung kann zwar auch hilfreich sein, muss aber auf jeden Fall abgesprochen werden! Es gilt aber bei traumatisierten Menschen grundsätzlich, dass es oft sinnvoll ist, Berührungen abzusprechen bzw. sicherzugehen, dass die Person das auch OK findet und nicht davon überrascht oder überrumpelt wird. Wir persönlich würden also nie jemenschen von hinten Berühren (schon das aufzuschreiben triggert uns ein bisschen) oder erschrecken, wenn wir nicht ganz sicher wissen, dass die Person davon nicht getriggert wird. Und das kann mensch eigentlich nur wissen, wenn mensch nachgefragt hat. Einfach davon auszugehen, dass ein Mensch nicht traumatisiert ist und/oder von bestimmten Dingen nicht getriggert werden kann, ist nicht richtig. Auch Menschen, die du schon lange kennst, können Traumata mit sich rumschleppen, von denen du nichts ahnst. Sie haben vielleicht gute (oder auch schlechte) Gründe, das nicht zu erzählen. Vielleicht hat es sich aber auch einfach nicht ergeben.

Du kannst nie vorhersagen, was einen anderen Menschen triggert (es sei denn, du kennst die Person_en sehr gut). Dinge, die für einen Menschen schlimme Trigger sind, kann eine andere Person achselzuckend wegstecken, rutscht aber bei Erwähnung von „Pfefferminztee“ total in Flashs. Das ist jetzt kein Witz und auch keine Übertreibung, dieses Beispiel kennen wir von Freundinnen.

Wir finden es wichtig, dass Trigger akzeptiert und NICHT hinterfragt werden. Also so Kommentare wie „aber das Wort ist doch gar nicht schlimm“ oder „war doch nicht so gemeint“ oder auch Fragen wie „warum findest du das jetzt schlimm?“ können wir nicht gebrauchen. Für uns ist es jedesmal eine enorme Überwindung, zuzugeben, wenn etwas triggert, so dass wir es nicht brauchen, wenn uns jemensch unsere Wahrnehmung ausreden will. Nachfragen können manche Menschen zwar schon gebrauchen, aber wir nicht. Nicht bei Triggern. Bei andern Sachen schon. Aber bei Triggern fühlen wir uns eh schon viel zu verletzlich und wenn wir dann auch noch zeigen, dass wir getriggert und somit verletzlich sind, dann wird es uns zuviel, dass auch noch zu erklären. Wir wollen dann nicht, dass die Person weiß, warum uns was triggert, das wären zu viele Infos, mit denen wir weiterhin verletzt werden könnten. Auch wenn wir einem Menchen trauen, wollen wir das nicht erklären. Oft wollen wir auch andere Menschen schützen und deswegen nicht mit unseren Traumata konfrontieren. Leider ist es nicht möglich, einfach so beim Smalltalk mit halb-fremden Menschen zu sagen: „könnten wir bitte das Thema wechseln, es triggert mich grade“ oder: „Könntest du vielleicht diese Geste sein lassen, die triggert mich“ oder was auch immer das Problem ist (Ha, und was macht mensch, wenn das T-Shirt einer Person triggert, wenn sie es ausziehen würde, würde das noch mehr triggern!). Erstens wüssten die meisten wohl einfach nicht, was ein Trigger ist, geschweige denn würden verständnisvoll und hilfreich damit umgehen. Zweitens geht es zumindest für uns überhaupt (noch?) nicht, uns gegenüber fremden, oder nur bekannten, aber nicht eng befreundeten Personen als traumatisiert zu outen.

Das ist vielleicht auch einer der Gründe für diesen Text… damit mehr Menschen achtsam werden für Trauma und Trigger und sich selbst und anderen helfen können, das zu vermeiden, bzw. damit umzugehen.

Nachfragen wie „Ist dir das grade zuviel?“ oder „Sollen wir vielleicht lieber über was anderes reden/ woanders hingehen/ einen anderen Film schauen/…“ können allerdings schon hilfreich sein. Wenn du merkst, dass wer getriggert ist und fragst, ob du etwas tun kannst, damit es der Person besser geht, ist das was anderes, als nach den (Hinter-)Gründen eines Triggers zu fragen. Du musst ja auch gar nicht von Trigger oder Trauma sprechen, wenn du diese Ebene des Vertrauens mit der (möglicherweise) getriggerten Person nicht hast oder z.B. andere Menschen mithören könnten. Wenn du eine Person, die „triggeranfällig“ ist, näher kennst, könnt ihr am besten in einer ruhigen Stunde gemeinsam besprechen, was ihr_ihm bei Triggern am besten hilft. Wenn wer besonders „weit weg“ zu sein scheint, ist es oft gut, ihn_sie laut anzusprechen und insbesondere den Namen zu sagen.

Weitere Ideen dafür, was bei Triggern helfen kann, bieten sogenannte Notfalllisten oder Notfallkoffer (die aber auch weitere Anwendungen haben). Es ist leider nicht immer einfach, herauszufinden, was von den Vorschlägen wann hilft und was nicht. Ich habe schon Dinge auf solchen Listen gelesen, wo selbst das Lesen mich triggerte; eine Umsetzung dessen wäre absolut kontraproduktiv gewesen. Aber anderen hilft es offenbar.

Viele Menschen können sich durch unangenehme Reize aus Dissoziations-Zuständen herausholen, z.B. ein leichtes zwicken oder schnippen mit einem Gummiband am Handgelenk, scharfe Riechfläschchen, Selbstverletzung (was wir nicht empfehlen), Eisbeutel, laute Musik, auf Pfeffer oder Chili beißen etc.

Bei anderen führt soetwas zur Verstärkung der Dissoziation und sanfte, angenehme Dinge helfen: Lavendel-Duft, sich selbst streicheln, Kuscheltier, schönes Bild betrachten, Wärme, sanfte Musik, etwas leckeres Essen oder Trinken…

In manchen Situationen sind Augenkontakt oder auch Berührungen wirklich gut, was aber auch viel Vertrauen erfordert. Doch wenn das da ist, kann direkter Kontakt das allerbeste sein! (Vorher sicher stellen, dass das nicht noch stärker triggert!) Denn das wirkt auf der selben, ursprünglichen Gehirnebene wie der Trigger und die Überlebensstrategien und sagt viel deutlicher als alle Worte: „Du bist nicht allein, ich bin für dich da, du bist real, du bist hier, du bist jetzt.“ Aber auch: „Ich möchte dir helfen. Du bist nicht ekelhaft oder sonstwie falsch.“

 

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*Triggerwarnungen sind Ankündigungen, oft schon in der Überschrift, dass etwas Triggern könnte, und Splats sind meist kleine * Sternchen, mit denen einige Buchstaben eines potentiell triggernden Wortes ersetzt werden, z.B. damit Innenkinder das Wort nicht lesen können (Beispiel: Statt Lokomtive wird L*k*m*t*v* geschrieben). Über den Sinn und Unsinn von Splats kann viel diskutiert werden; wir persönlich finden sie meist eher kontraproduktiv, verwenden sie aber auch manchmal, weil es so einfacher sein kann, Worte zu schreiben, die sonst nicht oder nur schwer möglich sind zu schreiben. Beim Lesen von Texten helfen uns persönlich Triggerwarnungen, aber Splats erhöhen für uns eher die Triggergefahr.

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