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Meeresbande Zine #2, S. 11 Halbes Leben – halbe Persönlichkeit!

5. Mai 2015

11 - Halbes Leben - halbe Persönlichkeit!

Halbes Leben – halbe Persönlichkeit!

Hallo,

ich bin Johanna, ich habe auch im letzten Zine etwas geschrieben (Despair – Verzweiflung) und bin erwähnt worden. Ich war bis vor kurzem (bis vor ein paar Jahren) die wichtigste „Alltagsperson“. Zumindest möchte ich das gerne glauben. Ich fühl mich manchmal total unwichtig, seit ich weiß, dass wir Viele sind, dass ich nicht alleine bin. Ich bin nicht sehr alt, so höchstens 16-17 und oft fühle ich mich noch jünger. Tut mir leid, wenn ich deswegen manchmal kindisch wirke… Ich will nicht kindisch sein. Aber Leona sagt, ich darf sein wie ich bin und muss mich nicht verstecken.

Also jedenfalls dachte ich bis vor etwa einem Jahr, dass ich alleine bin und die anderen nur „Anteile“ oder so sind und bevor ich bzw. Leona Therapie angefangen hat, wusste ich noch nicht mal, dass es „Anteile“ gibt, geschweige denn, dass die irgendwie ne wichtige Rolle spielen. Da bekam ich dann ne ziemliche Identitätskrise, aber da will ich jetzt nicht dran denken.

Ich war dafür zuständig, den „Alltag“, also das normale Leben, über die Bühne zu bringen, und für mich war das das ganze Leben. Ich wusste nicht, dass es noch andere Sachen gibt: die traumati­schen Dinge, die uns angetan wurden, denn das wurde alles hübsch ordentlich abgespalten, verdrängt, dissoziiert, was auch immer. Ich habe es nicht mitbekommen. Ich habe aber auch nicht mitbekommen, dass ich etwas nicht mitbekomme. Es war nicht so, als wenn plötzlich alle um dich rum lachen und du merkst, da war ein Witz, den du nicht kapiert oder nicht gehört hast. Nee. Ich war der Meinung, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr zu leben und auch alles bewusst mitzukriegen, außer im Schlaf. Dass die eine Kleine jede Nacht aufwachte und vor Angst gelähmt im Bett lag und auf jedes Geräusch gehorcht hat, habe ich nicht nur nicht gewusst, ich hätte es auch nicht geglaubt, wenn mir das wer erzählt hätte.

Aber im Nachhinein ist es noch viel unheimlicher, dass ich nicht nur das Gewusel der mindestens ~50 anderen Innenpersonen, sondern eben auch die Zeitverluste nicht gemerkt habe!!! Es gab Zeiten, da habe ich nichts mitbekommen, da war ich drinnen, im inneren und von der Außenwelt abgeschirmt. Und so nach und nach wird uns klar, das das doch recht viele Zeiten gewesen sein müssen. Also das hätte ich nie gedacht. Ich will das auch eigentlich nicht wissen. Ich hatte früher und habe auch heute noch immer den Eindruck, KEINE Zeitlücken (gehabt) zu haben! Ich weiß immer, wie ich an den Ort gekommen bin, wo ich bin und wundere mich nie, dass schon Donnerstag ist, wo gestern doch noch Montag war oder solche Sachen. Also das Typische, was Leute stutzig macht, die eine_r von Vielen sind und es noch nicht wissen. Es gibt auch keine Nachrichten von Innenpersonen, oder fremde Schriften im Tagebuch oder dass irgendwer was gemacht hat und ich es aber nicht war, aber anscheinend doch war (weil es z.B. eine andere Außenperson gesehen hat oder es kein_e andere_r gewesen sein kann). Also all das gab und gibt es bei mir nicht. Aber wie habe ich es dann geschafft, nichts mitzubekommen als Kind/Jugendliche???

Es muss wohl öfter mal Zeiten gegeben haben, wo ich nicht vorne war und dann, als ich wieder nach vorne kam, wurde es irgendwie so gemacht, dass ich nichts merkte vom Wechsel und Zeitverlust etc. Da haben sich vielleicht andere Innenpersonen drum gekümmert. Wir sind ja so viele, ich komm da gar nicht hinterher und Leona sagt auch, ich muss das auch nicht. Ich bin da irgendwie überfordert, weil meine Aufgabe immer war, NORMAL zu sein, nicht AUFZUFALLEN und vor allem nicht traumatisiert oder dissoziiert oder auch nur verwirrt zu sein!!! Das war wichtig.

Und im Endeffekt hatte ich nur ein halbes Leben. Andere Leute haben 24 Stunden am Tag, aber ich hatte weniger. Und hab das noch nicht mal gemerkt. Ich habe im Nachhinein das Gefühl, dass mir dadurch was fehlte, was meinen Mitschülern selbstverständlich war. Und das konnte ich nicht nachholen, aber ich tat so, als wäre alles normal, bzw. ich glaubte das ja selbst auch. Es war ja auch so diffus. Ich meine, woran hätte ich denn festmachen können, dass mir was fehlt, dass bei mir was anders ist? Ich habe mal gehört, mensch „kann auch Amnesien für die Amnesien haben“ und das war dann wohl bei mir so. Vielleicht hat das damit auch gar nichts zu tun. Aber irgendwie fiel es mir seit ich Jugendliche war sehr schwer mich in die Klassen“gemeinschaft“ einzufügen. Als Kind war das noch nicht wirklich ein Problem, aber als so Sachen wie Mode und Cool-Sein wichtig wurden, bekam ich ein Problem. Ich habe kein Verständnis für Mode und bin nicht cool. Sowas kann ich einfach nicht. Ich konnte das nicht aufschnappen oder mir angewöhnen oder ein Gefühl dafür bekommen, was in ist und was nicht. Also ich war ganz schnell gar nicht mehr in!!! Vielleicht ist das auch eher sowas wie meine völlige Unmusikalität, dass ich aus dem selben Grund, wie ich Musik nicht verstehe, auch Mode und Teenagersozialcodes nicht verstehe. Für die meisten ist sowas ja ganz intuitiv einfach. Aber ich muss sowas mühsam lernen. Und das klappt eigentlich auch gar nicht. Also ich kann das eigentlich gar nicht und muss so tun, als wenn ich es doch kann, um nicht aufzufallen! Wichtig! Und dann trickse ich eben rum, aber das ist sehr stressig und ich fühle mich wie eine Lügnerin, als wenn ich den Platz einer normalen Person heimtückisch angenommen habe und mich für etwas ausgebe, was ich nicht bin. Normal nämlich.

Vielleicht ist das so, weil ich gar kein richtiger, ganzer Mensch bin. Weil ich nur eine Rolle bin. Und zu der Rolle gehörten diese Sachen (Musikverständnis, Mode, Cool-Sein) eben erstmal nicht. Außerdem ist das bei meinen Vorfahren ähnlich. Also die sind auch uncool, unmodisch und unmusikalisch und unkreativ. Also ich bin glaube ich auch unkreativ. Das habe ich nur nie gemerkt, weil genug andere hier kreativ sind und die dann meine Lücken ausgefüllt haben, ohne dass ich das gemerkt habe. Also vielleicht war es so, dass ich ein Bild gemalt habe, aber in echt habe nicht ich gemalt, sondern wer anders und ich habe aber gedacht, ich male es. Oder so ähnlich. Sowas muss es wohl sehr viel gegeben haben, also dass andere Innenpersonen was machen, aber mich den­ken lassen, dass ich es mache. Oder sie bringen mich dazu, es für sie zu machen. Oder wir sind gemeinsam vorne und ich merke aber nicht, dass ich nicht alleine bin. Inzwischen, seit sie darauf achtet, merkt Leona sowas manchmal. Aber ich merke das immer noch nicht. Ich bin es vielleicht viel zu sehr gewohnt.

* * * * *

Also ich weiß ja nicht, ob mal wer von euch das Buch von Truddi Chase gelesen hat. Das ist eine Art Autobiographie von einigen aus einem multiplen System. Also wir haben das mal gelesen, als wir noch sehr jung waren, und es war wirklich sehr schrecklich und ich kann nur sagen, das sollten nur Leute lesen, die starke Nerven haben, weil Schilderungen von Grausamkeiten drin vor kommen, die bei Truddi zur Spaltung geführt haben. Also wir haben es trotzdem gelesen und für einige von uns war das wohl wichtig, was ich aber damals nicht wusste. Ich wusste nicht, wieso ich dieses und andere ähnliche Bücher lese und dachte schon, ich bin pervers oder so, weil ich es nicht weglegen konnte. Aber ich fands schrecklich, ich war auch wie gelähmt als und nachdem ich es gelesen habe.

Jedenfalls gibt es in diesem System eine Innenperson, die nur „die Frau“ genannt wird und die denkt, dass sie kein richtiger Mensch ist und keine Persönlichkeit hat, weil sie rausfindet, dass sie von den anderen Innenpersonen benutzt wird, um nach außen zu handeln. Also das ist jetzt leider schlecht beschrieben, denn sowas kann ich nicht gut beschreiben. Aber jedenfalls meinte diese „Frau“, dass sie hohl ist und von den anderen gefüllt wird. Und so ist es bei mir bestimmt auch.

Aber Leona sagt, ich bin trotzdem ein Mensch. Das finde ich lieb von ihr, dass sie das sagt, weil sonst würde ich verzweifeln. Ich dachte ich bin ganz normal. Aber nun weiß ich, dass das überhaupt nicht stimmt; vielleicht gibt’s mich auch gar nicht und ich löse mich bald auf. Davor habe ich Angst. Kindisch, ich weiß, aber so ist das irgendwie.

Also Leona sagt, bei uns hat sich noch nie eine_r aufgelöst. Das ist ja schon mal beruhigend. Aber andererseits, wenn sich eine_r aufgelöst hat und das nur keine_r mitbekommen hat oder wieder vergessen hat, dann weiß das ja auch keine_r… Und es gab schon so ähnliche Sachen, das weiß ich, also wo Anteile mit anderen Anteilen oder Innenpersonen oder – meistens – mit Leona verschmolzen sind. Hm, aber ich glaube das wäre nicht schlimm. Ich weiß nicht. Ein Teil von mir hat davor auch Angst, weil das ja auch auflösen ist. Weil dann würde es mich nicht mehr geben…

Puh, hab ich viel geschrieben!!!

Johanna, Alltagsperson

P.S.: oder vielleicht bin ich auch Autistin oder habe Asperger? Oder vielleicht bin ich auch einfach nur verrückt. Oder doof.

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